Clinic bei Paul Dietz

Nachdem das Speichern des Beitrages beim ersten Mal nicht funktionierte, nun ein zweiter Versuch…

Im Januar dieses Jahres bin ich in der Zeitschrift Westerner auf einen Artikel gestossen, den ich sehr interessiert durchlas. In diesem erläuterte Sibylle Kloser ihre Eindrücke von der Clinic mit Buck Brannaman im November 2013 in Köln. Es war das erste Mal, dass der durch den Film “Buck – Der wahre Pferdeflüsterer” bekannte Horseman nach Europa reiste und sein Wissen an einer Clinic weitergab. Entsprechend gross war das Interesse und die Veranstaltung äusserst gut besucht. Dabei  war es nicht mal die geschilderten Erlebnisse, sondern lediglich der letzte Abschnitt, der mich aufhorchen liess. Sibylle erwähnte, dass sie durch die Erfahrung mit Buck, seinen Assistenztrainer Paul Dietz für eine Clinic in die Schweiz holen wolle.

Buck mag durchaus ein grossartiger Horseman sein und über einen enormen Erfahrungsschatz erfügen. Auch durch seine Geschichte sympatisieren viele Leute mit ihn. Mich konnte er aber nie wirklich erreichen. Mir ist der Hype um ihn zu gross, schon zu komerziell, so dass er für mich zu wenig interessant ist. Nein, vielmehr interessieren mich die alten Cowboys, von welchen alle namhaften Horseman unserer Zeit haben lernen dürfen: Tom & Bill Dorrance und Ray Hunt.

Diese drei Herren haben gerade in den USA gezeigt, dass Pferde nicht brutal gebrochen werden müssen, sondern mit viel Verständnis, Konzequenz und Einfühlungsvermögen den Weg zum verlässlichen Reitpferd gehen können. Vor allem Tom Dorrance wird ein spezielle Gabe im Umgang mit Pferden zugesprochen.

Mein grosser Wunsch ist es, zu erfahren, wie diese drei Legenden mit Pferden gearbeitet haben. Ich möchte sehen, hören und fühlen, was sie versucht haben, weiter zu geben. Ein Feeling zu Pferden annähernd aufzubauen, wie sie es hatten. Da die ehrenswerten Herren leider alle verstorben sind, bleibt mir nur die eine Möglichkeit über dessen Schüler sie kennen zu lernen. Ein Schüler von Tom, Bill & Ray war Jean-Claude Dysli, von dem ich in Andalusien die erste Eindrücke erfahren durfte und erste Puzzlesteine mitgenommen habe. Der zweite Schüler, welchen ich nun kennen lernen durfte, ist Paul. Paul lernte einerseits viel von Buck, der ebenfalls ein Schüler von Ray Hunt war, sowie von Ray persönlich. Somit ergab sich daraus für mich die wunderbare und einmalige Gelegenheit, dass Wissen dieser drei Männer über ihre “Nachzügler” erfahren zu dürfen und das auch noch in der Schweiz und in einem kleinenn, symathischen Rahmen. Entsprechend gespannt war ich somit auf die viertägige Clinic.

Der erste Tag begann für alle wohl etwas chaotisch und zeigte sich wenig befriedigend. Es war durchaus spannend zuzusehen, wie Paul mit den etwas problematischeren Pferden arbeitete. Davon habe ich sehr viel profitieren können resp. auch eine Bestättigung gefunden, dass ich mit Gin eine gute Basis mit der Bodenarbeit schaffen konnte, die der, welche wir zu sehen bekamen, sehr ähnlich war. Nachdem jeder sich und sein Pferd vorgestellt hatte, bekamen wir die ersten Übungen. Themen waren Softness, Lebendigkeit, Biegsamkeit, Nachgiebigkeit und Steuerbarkeit. Die grosse Gruppe von 12 Teilnehmern wurde aufgeteilt. Die eine Gruppe ritt rechts herum, die andere links herum. Dazu musste man jeweils um die entgegenkommenden Pferde eine Schlagenlinien, sprich ein Slalom reiten. Eine Aufgabe, wo Paul uns ganz klar testete, da das Ganze in einem mittleren Chaos endete. Er konnte daraus wohl enorm viel aus uns heraus lesen. Wie gut unser Pferd bei den Reiter waren, wo die jeweilige Konzentration war, wie soft und rasch die Pferde sich lenken liessen und einiges mehr. Bei den Reitern war die Übung nicht ganz so beliebt. Auf jeden Fall konnten sich an diesem ersten Tag die wenigsten für die Clinic begeistern. Grund war auch der, dass niemand ein persönliches Feedback erhielt. Etwas, womit auch ich die ersten Tage meine Mühe hatte. Wenn von Softness die Rede war, wusste ich auf einer Skala von 10 bspw. nicht, ob ich jetzt eher bei einer 4, vielleicht bei einer 7 oder gar schon bei einer 9 war. Ich habe noch wenig Erfahrung mit Western gerittenen Pferde, so dass ich persönlich keine Vergleiche habe, was nun gut oder schlecht ist. Auf der anderen Seite ist gerade ein Gefühl von “Soft” sehr individuell.

Diese Art von Unterricht ist für uns sehr fremd. Vielleicht gehört dies auch zum Lernprozess, sich selber zu reflektieren, vielleicht ist das die Amerikanischen Kultur des Lernes oder das Amerikanische Rechtssystem zwingt die Leute zu diesem Verhalten. Jedenfalls haben sich viele mehr Feedback gewünscht und dies entsprechend platziert. Es gab darauf hin ab und zu mal zu einzelnen Reiter ein Kommentar, aber von direktem Nutzen war dieser jeweils nicht umbegingt.

Der zweite Tag war schon um einiges geordneter, da die Teilnehmer explizit darauf hingewiesen wurden, Salom zu reiten resp. den entgegend kommenden Reitern auf der andern Seite zu kreuzen als das vorangehende Pferd. Zudem wurden die angefangenen Übungen vom Vortag erweitert. Step-by-Step und Tag um Tag wurden diese ergänzt. Zu Beginn sah ich den Sinn dieser Übungen kaum und ich hatte generell wenig gefallen an dieser Clinic. Irgendwie war ich auch sehr emotional geladen und hatte hin und wieder etwas feuchtere Augen, gerade auch wenn ich Fragen stellte. Frust, Wut, Enttäuschung. Es war schwierig, die Emotionen zuordnen zu können. Aber ich war nicht positiv eingestimmt. Erst am dritten Tag machte es hinsichtlich der Übungen “klick” und ich verstand dessen Wert. Die Basis für ein durchlässiges, motiviertes Pferdchen, welches mit dem Reiter zu einer Einheit verschmilzt, wurde hier eben vermittelt. Die Basis, wonnach ich schon eine Weile auf der Suche war, hatte ich endlich gefunden.

Am dritten Clinic-Tag habe ich in der Mittagspause ein Buch von Ray Hunt angefangen zu lesen, dass ich mitgenommen hatte. Ich habe es schon vor einer Weile gekauft, aber bin nie dazu gekommen, es zu lesen. Vielleicht wartete es auch gerade auf diesen einen Moment. Als ich die ersten Seiten des Buches las, merkte ich schnell, dass das, was da in diesem Buch stand, die beiden Tage zuvor Paul uns erzählt hatte. Das gab mir ein ganz anderes Bewusstsein für diese geschriebenen Worte. Es war wirklich das, was diese Cowboys lehrten und weitergaben. Es schien so, als ob Paul wie zu dessen Sprachrohr wurde und die Worte erhielten eine gewisse Lebendigkeit. Wenn ich dann seine Arbeit an den Pferden hinzunehme, die ich mit meinen Augen visuell aufnehmen konnte, werde ich zuküftige jede weitere Seite in diesem Buch ganz anders wahrnehmen. Halt so, wie wenn Ray persönlich da gestanden wäre. Für mich ein weiterer Moment, wo ich dieser Clinic plötzlich ein ganz anderer Wert beigemessen habe, als dies on den ersten beiden Tagen der Fall war. Ich habe vor Ort selber mässig viel mitnehmen können. Umso grösser ist jedoch das, was ich mit nach Hause nehmen durfte. Ich bin mir sicher, dass ich den ganzen Wert der Clinic erst zu einem späteren Zeitpunkt im vollen Umfang zu schätzen weiss. Dann, wenn ich weiter Puzzleteile gesammelt habe und ich mit dem Wissen um dessen Zusammensetzung ein ganzes Bild erhalte.

 

Fotos von Renata Bucher & Roger Albani

Weitere Fotos unter: http://rogeralbani.com

Follow us on Instagram
Loading...
Zitate
Der Mensch hat dreierlei Wege klug zu handeln: durch Nachdenken ist der edelste, durch Nachahmen der einfachste, durch Erfahrung der bitterste.